In Deutsch bekamen wir den Auftrag, ein Essay zu einem von uns gewählten Thema zu verfassen. Da ich bereits öfter durch Unpünktlichkeit aufgefallen bin, wurde mir auferlegt, über Pünktlichkeit zu schreiben.


Sehr geehrte Damen und Herren,

heute möchten wir gemeinsam einem Phänomen auf den Grund gehen, wie es immer wieder beobachtet werden kann. In Deutschland ist es mehr als überall auf der Welt Thema, denn in diesem Bereich setzt Deutschland echte Maßstäbe. Ja, meine Damen und Herren, es gibt wieder einen Grund, stolz auf unser Land zu sein, denn es ist führender Exporteur eines Produktes, das unter dem Namen „Pünktlichkeit“ in die Geschichte unserer Heimat eingegangen ist. Die „deutsche Pünktlichkeit“, wie sie liebevoll von Nationalisten bezeichnet wird, unterscheidet nach Ansicht jener den Deutschen von allen anderen Weltbewohnern. Größte Handelspartner im Pünktlichkeitsgewerbe sind Afrika und Polynesien, wo bereits deutsche Missionare das kostbare Gut verteilten.

Was geht in Menschen vor, die häufig zu spät kommen? Um dies wirkungsvoll analysieren zu können, müssen wir Situationen, in denen Unpünktlichkeit auftreten kann, unterteilen.
In Fällen von interpersoneller Unpünktlichkeit werden andere Personen ihrer Zeit beraubt, da jene direkt auf die Anwesenheit der unpünktlichen Person angewiesen sind. Jene Fälle der Unpünktlichkeit lassen sich z.B. durch ein Seminar illustrieren, bei dem der Seminarleiter selbst unpünktlich ist, wodurch das Seminar nicht beginnen kann. Dies ist die wohl unangenehmste Form der Unpünktlichkeit, sowohl für die unpünktliche Person selbst als auch für jene, die von der Pünktlichkeit eben dieser Person abhängig sind bzw. denen durch die Unpünktlichkeit jener Person Zeit geraubt wird.
Außerdem gibt es die intrapersonelle Unpünktlichkeit. In Fällen dieser nimmt die Handlung anderer auch ohne die unpünktliche Person ihren Lauf, wie es zum Beispiel bei Seminaren der Fall ist, bei denen ein Teilnehmer nicht oder zu spät erscheint. In letzterem Fall verformt sich die intrapersonelle schnell in interpersonelle Unpünktlichkeit, wenn der Handlungsfluss durch das plötzliche Auftauchen der säumigen Person gestört wird. Solche Konstellation ist sowohl für den Seminarleiter als auch für den Teilnehmer äußerst unangenehm.

Nun verhält es sich so, dass Menschen sich ihrer Unpünktlichkeit häufig erst dann bewusst sind, wenn sie nichts mehr daran ändern können. Handelt es sich dabei um interpersonelle Unpünktlichkeit, versucht der Säumige meist, die verfehlte Zeitspanne so kurz wie möglich, um den Zeitverlust anderer so gering wie möglich zu halten. In Fällen intrapersoneller Unpünktlichkeit spielt der Zeitpunkt der Ankunft des Säumigen kaum noch eine Rolle, denn er muss – wie am Beispiel „Seminar“ – so oder so einmal den Ablauf des Seminars stören. Der Fokus liegt also in jenen Fällen auf der Schadensbegrenzung.

In Deutschland, dem, wie gesagt, führenden Exporteur von „Pünktlichkeit“, spielt Zeit eine große Rolle. Das mathematische Produkt aus Leistung und Zeit entspricht der Arbeit. Arbeit wiederum kann bei Industriellen gegen Geld eingetauscht werden. Zeit ist also im Extremfall Geld.
Wenn eine Person nun einer anderen durch Unpünktlichkeit Zeit – also Geld – raubt, wird das verständlicherweise als Unhöflichkeit, wenn nicht sogar als Verbrechen, erachtet. Wir halten fest: Unpünktliche Menschen sind Kapitalverbrecher und sollten auch so behandelt werden. Über die Wiedereinführung der Todesstrafe ist nachzudenken.

Disclaimer: Fachwörter sind frei erfunden.