“Reflexionen des Lichtes, Entstehung der Schatten”
- 31.10.2006 01:01
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Kein Unterhaltungstext. Der Text ist hauptsächlich über mich und somit wohl für die meisten uninteressant.
Ich werde in diesem Eintrag wohl etwas weiter ausholen. Fragt mich nicht, wie ich auf die Idee komme, dieses alte Zeug noch einmal hervor zu kramen, aber nun ist es da und schlängelt sich durch meinen Kopf. Da dies hier der Platz ist, an dem ich die meisten meiner Erinnerungen aufbewahre, habe ich nun beschlossen, das alles hier niederzuschreiben. Wer weiß, wann ich es das nächste Mal lesen werde…Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich nicht an vorherbestimmten Dingen zweifelte. Alles begann mit dem Jahr meiner Einschulung, 1994.
Unansehnlich, fett, dennoch mathematisch begabt und mit überdurchschnittlicher Auffassungsgabe – ich war das perfekte Feindbild. Binnen der Jahre der Grundschule entwickelte sich dieses Feindbild zu einem bloßen Hass auf meine Person. Während der Anwesenheit der Lehrer nahm man mich in den Schwitzkasten, machte Witze über mich, schloss mich aus. Immer, wenn ich den Grund für dieses mir entgegen gebrachte Verhalten erfahren wollte, fasste man sich kurz: „Du wurdest geboren.“
Ich, damals noch ein äußerster Hitzkopf, nahm das persönlich, wurde aggressiv und entwickelte mich dahin, dass es tatsächlich einen Grund gab, mich zu hassen: Ich wurde ein Arschloch – zumindest nach außen, denn halb heimlich entwickelte ich mich zu einer Heulsuse. Fast täglich kam ich heulend aus der Schule, meine Eltern um einen Schulwechsel anflehend. Als ich sie irgendwann so weit hatte, dass sie einen Schulwechsel veranlassen würden, trat ich von meinem Wunsch zurück, denn es würde Neuerung für mich und Aufwand für meine Eltern bedeuten; Abschied von den Lehrern, die mich einigermaßen gut ausstehen konnten; vor allem aber Erfolg für jene, die mich anscheinend so abgrundtief hassten. Gesetzt den Fall, ich würde in eine neue Klasse kommen – würde man mich dort anders behandeln? Schließlich gab es doch einen Grund, dass ich so behandelt wurde, wie ich behandelt wurde. Ein Schulwechsel würde also keinen Erfolg bringen.
Es war meine Großmutter mütterlicherseits, die mir damals immer wieder einredete, es sei normal, dass Kinder so zu mir sind und ich solle mich lieber auf meine Leistungen in der Schule konzentrieren. Gesagt, getan. Irgendwann begann ich, das Verhalten meiner Mitschüler als gegeben zu akzeptieren; nicht zu hinterfragen, warum sie solche Dinge mit mir taten. Ich lebte parallel zu meiner Außenwelt, fing an, die Misshandlungen, die ich erfuhr, zu verdrängen und hoffte inständig auf das Ende der 6. Klasse – vermeintlicher Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt, der Weg zum Gymnasium, weg von den Strapazen der Grundschule.
Voller Vorfreude stand ich im Sommer 2000 auf dem Schulhof und erwartete meine neue Klasse, die mich, so hoffte ich, anders behandeln würde als die Vorgänger. Fehlanzeige. Binnen einer Woche wusste die ganze Stufe, was für ein Arschloch der Fettsack in der 7/3 ist, denn eine ehemalige Klassenkameradin packte aus. So musste ich, gerade frisch auf dem Gymnasium, bereits mit Vorurteilen kämpfen. Allgemeine Akzeptanz – für mich schier unmöglich zu erreichen.
Zudem trat ich bald in die Pubertät ein und die Schweißproduktion lief so richtig an. Ich – darüber nicht aufgeklärt – änderte mein eingelebtes Hygieneverhalten in keiner Weise. So begab es sich, dass aus dem fetten Arschloch ein stinkendes, fettes Arschloch wurde. Ich hatte keine Ahnung, dass die Leute das mit der Geruchsbelästigung ernst meinten, schließlich lebte ich inzwischen wieder schön in meiner eigenen, parallel zur Wirklichkeit existierenden Realität, in der es vollkommen legitim war, mich zu mobben. Hinzu kamen meine fehlenden Leistungen im Fach Sport, die von Sportlehrern, vor allem aber von Schülern als Leistungsverweigerung gewertet wurden. Neben allgemeinen Sticheleien kam es nun also auch zu Misshandlungen in der Umkleidekabine – Hosen landeten im Klo und Deo wurde mir flaschenweise in die Haare gesprüht, während andere ihre Handtücher nutzten, um mich auszupeitschen –, über die ich anfangs noch beim Sportlehrer Beschwerden einlegte, der dies aber hübsch zu ignorieren wusste.
Meine Familie hielt ich, soweit möglich, aus diesen Situationen heraus. Sie konnten mir, genauso wie meine Klassenlehrerin, nicht dabei helfen, dieses Problem zu lösen. Stattdessen hatte ich schon seit der Grundschule furchtbare Angst vor Elternkonferenzen, denn nach jeder kamen meine Eltern heim und drohten mit Repressalien, würde ich nicht aufhören, meine Klasse derart zu provozieren. Vor allem mein Vater war es, der die Schuld zu 100% bei mir suchte und mich damit unheimlich einschüchterte. Ich möchte hiermit nicht behaupten, dass er Unrecht hatte, nur ist diese Einschüchterungsmethode nicht der beste Weg gewesen, die Situation zu bessern. Nicht nur, dass ich ihm nicht mehr vertraute, nein, ich entwickelte einen abgrundtiefen Hass auf ihn, da er es nicht verstand, als mein Vater auch nur einmal zu mir zu stehen. Dass ich, sobald ich dies vernahm, aufhörte, überhaupt etwas darüber, wie ich behandelt werde, an meine Eltern weiter zu leiten, war verständlich. Diese fehlende Hilfe in dieser Elendszeit führte dazu, dass ich mich selbst heute noch nicht von ihnen geliebt fühle.
Wenn ich oben von „allgemeinen Sticheleien“ rede, meine ich Szenen wie diese: Mitten in der Englischstunde erhebt sich ein Mädchen aus ihrem Stuhl. Dreht sich um und bittet jene Mitschüler, die mich nicht leiden können, die Hand zu heben. Ich wäre am liebsten heulend raus gerannt, aber mein altes Versprechen an meine Großmutter, mich ausschließlich auf meine schulischen Leistungen zu konzentrieren, zwang mich, in der Klasse zu bleiben und zu versuchen, dem Unterricht weiter zu folgen.
Nicht selten hatte ich Selbstmordgedanken; ich wollte einfach von der Welt verschwinden und den Menschen zeigen, was sie mir angetan haben. Das einzige, was mich davon abhielt, war die Angst vor Schmerz – meinem eigenen. Zudem wollte ich nicht noch größeren Hass in meiner Familie schüren, denn irgendwer hätte die Beerdigung zahlen müssen. Damit hätten meine Eltern dann zwar keinen unfähigen Sohn mehr, dafür aber Geldengpässe und ein weiteres zu pflegendes Grab. Auch heute noch ist dies mein Hauptargument, wenn ich versuche, mir Selbstmordgedanken auszureden.
Statt auf körperliche setzte man also – zumindest außerhalb der Sportumkleide – auf psychische Attacken. Doch auch dagegen stumpfte ich innerhalb von höchstens drei Jahren ab. Nach der neunten Klasse verließen uns die schlimmsten Agitatoren aufgrund von Leistungsmangel. Ich, inzwischen wieder damit abgefunden, dass es völlig natürlich und normal ist, dass man mich hasst, änderte meine Denkweise nach 2003 nicht. Dies war übrigens auch das Jahr, in dem der Hauptgrund für meine sportlichen Fehlleistungen und damit verbunden natürlich auch die Ursache für mein Übergewicht herausgefunden wurde: Meine rechtes Hüftgelenk ist am zerbersten – eine Spätfolge einer Viruserkrankung, die mich im Kleinkindalter heimsuchte. Diese Erkenntnis führte zu einer permanenten Sportbefreiung, die leider zu spät kam.
Nachdem die Attacken auf meine Person in der 10. Klasse rasch abnahmen, registrierte ich diese Änderung nur spärlich und hielt es für eine Taktik, mich sicher wiegen zu lassen, während man einen weitaus schwereren Angriff plante, der es erforderte, dass ich vertraute. Kurzum: Ich wurde paranoid und vertraute meinen Klassenkameraden kein Stückweit, schließlich war es doch in meiner Realität normal, dass man mich hasste – warum sollte sich das ändern?
So vegetierte ich weitere zweieinhalb Jahre dahin, bis ein Ereignis im Herbst 2005 meine Gedankenwelt völlig auf den Kopf stellte. Ich lernte ein Mädchen kennen, das mir zeigte, dass auch ich geliebt werden kann – zwar nur übers Internet, aber immerhin. Zuerst hielt ich sie für ein Fake, eine Schikane, gelegt von Klassenkameraden, die darauf aus waren, mich ein weiteres Mal schachmatt zu setzen. Ich war verzweifelt, hin und her gerissen zwischen Liebe zu einem wundervollen Mädchen und Angst, man würde mich ein weiteres Mal verarschen. Mit ihrer Hilfe nahm ich zum ersten Mal wahr, dass es NICHT „normal“ war, wie ich all die Jahre behandelt wurde. Mit der Zeit legte ich mehr und mehr Vertrauen in sie und spätestens beim ersten Treffen war es zu spät. Dies konnte keine Schikane sein, dachte ich, dieses Mädchen hatte sich tatsächlich in mich verliebt, mich, Markus, den alle hassten, mich, für den es inzwischen normal geworden ist, als Fußabtreter des Volkes zu dienen.
Direkt nach dem ersten Treffen war es vorbei, sie machte Schluss. Sie hinterließ einen geöffneten, aber zerstörten Geist. Monate meiner ersten bewusst wahrgenommenen Depression folgten. Eine Depression, die mich zum ersten Mal in meinem Leben auch zu Autoaggressionen führte. Dennoch schaffte sie es nicht, mich in mein altes Denkmuster zurück zu werfen – zu stark waren die Erinnerungen an das Mädchen, das es als erste geschafft hatte, mich zu lieben; und einen Irrtum traute ich ihr nicht vollkommen zu. Und Markus begann, sich verstärkt für Mädchen zu interessieren, versuchte, das Beste aus sich zu machen, um bei den Mädchen, für die er schwärmte, anzukommen. Keine dieser Schwärmereien hielt außerordentlich lange, denn immer wieder wurde mir klar, dass dieses Mädchen sich damals doch geirrt haben musste; mir wurde ein jedes Mal von Neuem klar, dass ich es einfach nicht wert bin, geliebt zu werden. Und dennoch versuchte ich es immer wieder von neuem. Ich hasse mich für diese Suche nach Anerkennung; und nicht selten hasse ich das Mädchen vom September 2005 dafür, mich geöffnet zu haben.
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