“Teestunde”
- 19.03.2007 22:04
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Geschrieben für den Deutschunterricht.
Langsam fiel die Tür hinter ihm zu. Er war wieder zu Hause, weg von den Menschenmassen, die sich auf den Straßen tummelten, weg vom Stress, den die Stadt täglich für ihn bereithält; wieder allein.
Aus der Küche tönte das Zischen des Wasserkochers. Sonst war alles sehr still. Bedächtig goss er etwas sprudelndes Wasser in seine Lieblingsteetasse, schleppte sich langsam zum Arbeitszimmer herüber und setze sich an seinen leicht rauschenden Rechner. Greisenhaft genoss er die Ruhe, aber so war er immer, wenn er gerade aus der Stadt kam. Er mochte die Einsamkeit seiner Wohnung.
Beinahe eine Stunde saß er da, ohne irgendetwas zu tun; starrte in die Leere des Computerbildschirms und schlürfte seinen Tee, der mit der Zeit allmählich kälter wurde. Als der Tee anfing, langsam fad zu schmecken, begann er zu grübeln. Was seine Freunde jetzt wohl machen würden? Vielleicht saßen auch sie gerade daheim und starrten, Tee trinkend, auf die leeren Monitore vor ihren Nasen, oder sie kümmerten sich um ihren Haushalt. Er wusste genau, dass Gabi einen Sauberkeitsfimmel hatte, den sie nie so recht verstecken konnte; anders als Max, der sich fast täglich weiblichen Besuch einlud, wohl wissend, dass seine Bude so kaum vorzeigbar war. Andere waren wahrscheinlich gerade bei Freunden, Dinge bekichern. Das konnten sie fast alle recht gut.
Und da war er, immer noch vor seinem Rechner sitzend und wartend; wartend, dass irgendetwas passierte; wartend, dass sein Handy klingelte oder es plötzlich an der Tür läutete. Doch nichts geschah. Er begann, eine E-Mail zu schreiben, an SIE. Ganz langsam, Buchstabe für Buchstabe. H.
Vor dem Fenster hörte er eine Kindergruppe spielen. Sie lachten so unbeschwert, wie nur Kinder lachen konnten – unüblich für Menschen seines Alters. Wahrscheinlich wurden sie von den Eltern rausgeschickt, damit sie nicht durch das ewige Fernsehen noch völlig verblöden – oder, damit die Eltern endlich einmal eine ruhige Zeit zu zweit haben konnten. I. Er kniff die Augen zu.
Als er sie wieder öffnete, wagte er einen Blick in das grelle Sonnenlicht der Außenwelt. Auf der anderen Straßenseite saß eine Gruppe Spätjugendlicher. Deren Mitglieder wirkten, als diskutierten sie gerade ein höchst philosophisches Thema, wobei einer wild gestikulierend seine Ansicht darlegte, während die anderen – in Denkerpose – nur stumm nickten. Er starrte wieder auf den Bildschirm. L. Ein voll beladener Bus fuhr gerade durch die gepflasterte Querstraße und brachte damit seinen Schreibtisch ins Wanken. Sein Kugelschreiber bewegte sich westwärts, wie er es immer tat, wenn ein Beben die Wohnung erschütterte. Aus der Wohnung über ihm war ein lautes Ächzen zu hören – die Plattenbaudecke war quasi aus Pappe, sodass er seinen Nachbarn auch ohne Vorsatz problemlos belauschen konnte. F. Wieder kniff er die Augen zu, verzweifelt versuchend, das Stöhnen von oben zu ignorieren. SIE würde wahrscheinlich gerade bei Julian sein, wie so gut wie jeden Nachmittag. Er hasste die Einsamkeit seiner Wohnung, wünschte sich in Gesellschaft, weg von all den Eindrücken, die ihn hier unerbittlich quälten. E. Er wollte nicht den ganzen Tag auf ein „Etwas“ warten, wollte nicht zusehen, wie sein Leben ohne Weiteres verflog. Er wollte leben!
Ohne zu zögern schloss er die angefangene E-Mail, verließ den Rechner und versteckte sich stattdessen unter seiner Bettdecke.
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