Heute sind vom Rektorat zwei E-Mails mit Wahlaufrufen, Kandidatenlisten, etc. bei mir eingetroffen. Eine der E-Mails liest sich wie folgt:
Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen,
der Studentenrat sowie 5 Hochschulgruppen der
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (OvGU) haben in öffentlichen
Erklärungen dazu aufgerufen, an den Gremienwahlen, die vom 02. Juni —
04. Juni 2008 stattfinden, teilzunehmen. Sie wollen damit dazu
beitragen, dass die studentischen Vertreterinnen und Vertreter in den
Gremien der OvGU ein eindeutiges Mandat erhalten.
Gleichzeitig geht es darum, der studentischen Liste für die Wahl zum
Studentenrat, die von einem Mitglied des Bundesvorstandes der
NPD-Jugendorganisation angeführt wird, eine klare Absage zu erteilen.
Die Studierendenschaft der OvGU hat schon vor einem Jahr deutlich
bekundet, dass sie für eine tolerante, weltoffene und solidarische
Universität eintritt und Angehörige rechtsradikaler Organisationen
keinen Platz in den gewählten Gremien der Universität haben.
Namens des Rektorats unterstütze ich diese beiden Aufrufe ausdrücklich
und bitte darum, diejenigen Kandidatinnen und Kandidaten zu
unterstützen, die eindeutig für Toleranz, Weltoffenheit und
demokratische Gesinnung eintreten.
Prof. Dr. K. E. Pollmann
(Anm. des Bloggers: Rektor)
Ich also in die Kandidatenliste geguckt und sämtliche Listenanführer mittels Google untersucht, um wen es sich handeln könnte. Interessant dabei ist, dass der Name der gesuchten Person zu einem Direktkandidaten der Linkspartei führt. Die Webseite dieses Kandidaten wurde 2006 das letzte Mal aktualisiert. An der Stelle dachte ich mir dann schon: “Hut ab, von der Linken zum JN-Bundesvorstand in nur 2 Jahren” – zumal der Besitzer der Webseite aus Wittenberg kommt und “zur Zeit Studium Politikwissenschaft” unter “Persönliches” eingetragen hatte. Und siehe da: Auf der Kandidatenliste wird die gesuchte Person der FGSE zugeschrieben.
Warum sollte aber ein Linker plötzlich so extrem rechts werden? Bei einem dreitägigen Seminar mit einem Vertreter der Konrad-Adenauer-Stiftung (der Link enthält das Zitat, die entsprechende Person ist nicht aufgelistet) vor einigen Jahren wurde mir das klar:
Löst man sich von der klassischen „Links-Rechts-Dichotomie“ und stellt sich das politische Spektrum stattdessen als Hufeisen vor, so findet man an beiden Enden die extremistischen (vom lateinisch „die äußersten“) Lager. Wie die Enden eines Hufeisens ziehen sich beide Richtungen gleichermaßen an wie sie sich abstoßen: Links- und Rechtsextremisten bekämpfen einander; einig sind sie in ihrem Ziel – der Beseitigung der Demokratie.
Stutzig gemacht hat mich allerdings das folgende Zitat auf der Webseite:
Kampf gegen Rechtsextremismus und Neofaschismus
In den letzten vier Jahren habe ich permanent im Landtag dafür gearbeitet, dass für den Kampf gegen Rechtsextremismus und Neofaschismus in unserem Land endlich finanzielle Mittel für regionale demokratiestärkende Arbeit zur Verfügung gestellt werden. Seit 1999 werden dafür in Sachsen-Anhalt eine Million Euro im Haushalt eingestellt. Das ist für mich ein sehr wichtiges Ergebnis meiner Arbeit.
Bei einer weiteren Suche nach Fotos und anschließendem Vergleich stellte sich der Name damit als Zufall und die Personen als verschieden heraus.
Ich unterstütze das Rektorat in dieser Meinung, hätte die Liste allerdings durch den nichtssagenden und, ich sag mal, semantisch trivialen Namen sowieso für unwählbar gehalten.
Hier noch ein netter “ZEIT Campus”-Artikel
Weswegen ich diesen Beitrag aber eigentlich begonnen habe:
Anfang April (einige erinnern sich) veröffentlichte ich hier einen Text, in dem ich u.a. gegen zwei Kommilitonen verbal in den Krieg zog. Der Krieg ist inzwischen eher beigelegt, jedoch erinnere ich mich an ein Gespräch mit dem Öffentlichkeitsreferent des Fachschaftsrates, in dem mir gesagt wurde, dass sich der Text (speziell die Anschuldigung gegen besagte Herren) an der Grenze der Ligitimität befinde, jedoch nach der Veröffentlichung der Kandidatenliste für die Gremienwahlen ein solcher Text wegen “Wahlbeeinflussung” illegitim wäre (wobei ich mich schon fragte, warum Meinungsfreiheit an der Stelle aufhören sollte, es aber erstmal so hinnahm).
Beim Lesen der Mail des Rektors fragte ich mich allerdings: Ist “Wahlbeeinflussung” dann nicht für alle untersagt?