Ich stolpere ja immer zufällig über große US-Wahlveranstaltungen und Reden. Heute um vier Uhr nachts stand Obamas “Yeah, ich bin Kandidat”-Rede auf dem Plan.

Für den Leser könnte es fast so wirken, als könnte ich Obama nicht leiden. Das ist nicht der Fall. Seine Reden sind herzergreifend und klingen gut – und er ist in meinen Augen ein um ein vielfaches besserer Kandidat, als McCain es je sein könnte. Trotzdem kann ich nicht glauben, dass er alles, was er da sagt, auch so durchsetzen will/wird. Nach seiner Ernennung von Joe Biden als potent(iell)en Vizepräsidenten kam die zynische Theorie auf, dass er, Biden, nach Obamas Wahl nur auf dessen Ableben warten wird, um dann legal in seine Fußstapfen zu treten. Fefe drückte seine Meinung zu dieser Ernennung so aus: “Viel tiefer hat er unter Nicht-Republikanern nicht ins Klo greifen können. Und so zeigt sich wieder einmal, dass wenn Wahlen etwas ändern könnten, sie verboten wären.

Ich habe mir seine Rede auf CNN angesehen (Übersetzungsfehler sind also auf mich zu schieben). Es wird behauptet, die Rede wurde diese Woche von ihm persönlich geschrieben. Sollte dies der Fall sein, dann verneige ich mich vor dem größten Romantiker, der mir begegnet ist – und dem einzigen, dem ich das auch tatsächlich abkaufen würde. Es ist unfassbar, wie er seine Gedanken zum Thema “American Promise” und “American Spirit” in so herzenswarme Worte gefasst hat.

Ein paar Stichpunkte von der Rede:
Bildung für alle; Collegebildung für jeden, der sich sozial engagiert
Krankenversorgung für alle
Steuersenkung für 95% der Arbeiterfamilien
Verhütung für alle (so verstehe ich seinen Bezug auf “unwanted pregnancies”)
Fahne hoch für Zivilrechte wie die freie Wahl der sexuellen Orientierung
Unabhängigkeit von Nahost-Öl innerhalb von 10 Jahren (!!!)
Entwicklung eines Alternativ-Energie-Autos, das sich jeder leisten kann, bis dahin
Höhere Löhne für Arbeiter und Lehrer (für bessere Bildung)
Steuersenkungen für Firmen, die lokal Arbeitsplätze schaffen, statt zu outsourcen – und umgekehrt
Er stellt sich dem Duell mit McCain, wer der bessere Oberbefehlshaber der Streitkräfte wäre
Osama bin Laden wird aus dem Verkehr gezogen und bis in seine Höhle verfolgt (wobei ich glaube, ich hab da was falsch verstanden, das wäre ja sonst ziemlich überzogen…)
Auszug aus dem Irak; “Vorteile” für Rückkehrer
Gleichzeitig: Mehr als nur Reden (tough talk), um Frieden zwischen (u.a.) Israel und Palästina zu schaffen/sichern
McCain hängt Ideen der Vergangenheit nach, er selbst sieht in die Zukunft
Alle Amerikaner sind gleich patriotisch und ein Wettstreit darum ist blöd (egal ob Demokrat oder Republikaner)
“This election is not about me, it’s about you. It’s about you.” (sehr machtvoller Satz)
“Our dreams can be one”
Und natürlich: McCain hat keine Ahnung, was die Bürger brauchen (was natürlich der Wahrheit entspricht), ist jedoch ein ehrwerter Bürger

Nach dem Ende der Rede (Musik spielte schon und er wirkte, als wäre er dabei, die Bühne zu verlassen) erschien plötzlich wie zufällig seine Familie auf der Bühne und er spielte den liebenden Familienvater (überzeugend!), so tuend, als würde er die Kameras und die Menge nicht wahrnehmen.

Auch von den CNN-Leuten bekommt er sehr gute Kritiken. Sie bezeichnen seine Rede weniger als Rede als als “Sinfonie”. Ich stimme zu, die Rede war gut – und langsam und deutlich genug, dass sogar ich folgen konnte – eine Eigenschaft, die ich bei Bushs Reden immer vermist habe.

Würde Obama seine Versprechen halten – er wäre der Präsident meiner Wahl. Ich glaube allerdings, dass folgendes passieren wird: Entweder McCain gewinnt (und wird in seiner Unfähigkeit nichts als eine Marionette) oder Obama gewinnt und wird (zumindest in außenpolitischen Angelegenheiten) nichts weiter als eine Marionette des Vizepräsidenten, wie Bush es für Cheney ist (subjektiver Eindruck).